Kinderblindheit in Afrika ist eine der tragischsten Herausforderungen in der globalen Gesundheitsversorgung. Im Gegensatz zu Altersblindheit ist die Erblindung eines Kindes in seinen jungen Jahren eine Katastrophe für ein ganzes Leben. Es verhindert Bildung, schließt von der Gemeinschaft aus und nimmt die Chance auf eine selbstbestimmte Zukunft.
Doch die gute Nachricht ist: Über 50% der Fälle von Kinderblindheit in Subsahara-Afrika sind behandel- oder vermeidbar!
Zunächst ein paar Fakten:
- Hauptursachen: Angeborener oder erworbener Grauer Star (Katarakt) ist in Afrika eine der häufigsten Ursachen für vermeidbare Kinderblindheit.
- Dringlichkeit: Bei Kindern muss ein Katarakt schnellstmöglich operiert werden, da sonst die Sehbahnentwicklung irreversibel geschädigt werden kann.
- Herausforderungen: Mangel an spezialisierten Kinderaugenärzten, fehlende Früherkennung (z.B. an Schulen) sowie die Notwendigkeit von spezieller Ausrüstung und Betreuung für Kinder.
Anhand von zwei Beispielen von an Grauem Star erkrankten Kindern sowie der konkret geplanten weiteren Vorgehensweise der Augenhilfe Afrika sollen sowohl das Problem als auch Möglichkeiten zu dessen Bewältigung aufgezeigt werden.
Die kleine Achiyatou lernen wir 2019 bei der dritten OP-Kampagne kennen, an der ich in Kamerun teilnehmen darf. Diese findet in Ngaoundal in der Region Adamoua statt. Als das Mädchen auf dem Operationstisch liegt und für die OP vorbereitet wird, sind die weißen und völlig undurchsichtig gewordenen erkrankten Linsen sehr gut zu erkennen.

Unser bewährter Augenchirurg Dr. Giles Kagmeni operiert zuerst das eine und direkt anschließend das andere Auge. Es wird eine Salbe aufgetragen, die Augen werden verbunden, und die Verbände bleiben bis zum nächsten Morgen an ihrem Platz. Die Beantwortung der Frage, ob Achiyatou durch die Operation die Fähigkeit zu sehen erlangt, muss bis zur Abnahme der Verbände vertagt werden.


Am nächsten Morgen kommt der spannende Moment, wenn die Verbände der am Vortag operierten Patienten abgenommen werden. Es ist immer wieder bewegend, die Freude der Menschen zu sehen, die wieder sehen können. Viele strahlen über das ganze Gesicht.
Als Achiyatou nach der Entfernung der Verbände die Augen öffnet, steht ihr ungläubiges Staunen ins Gesicht geschrieben. Dann lächelt sie und schaut mich, der ich unmittelbar vor ihr stehe, verwundert an. Ich winke ihr zu. Und dann geschieht das Unfassbare: Das am Vortag noch völlig blinde Mädchen winkt zurück.
Kurz darauf zeigt ihre Mutter auf meine Hand und erklärt dem Mädchen, dass diese die Farbe blanc, also weiß, hat und ihre eigene Hand die Farbe noir, also schwarz. Die französischen Worte blanc und noir sind dem Mädchen wohlbekannt, aber die Bedeutung wird ihr erst jetzt klar, nachdem ihr durch die Operation vom Vortag das Augenlicht geschenkt wurde.

Zweieinhalb Monate nach der Operation wird folgendes Foto von Achiyatou aufgenommen. Es ist buchstäblich ein Bild aus einer anderen Welt. Für das Mädchen hat das Leben neu begonnen.

Das zweite hier vorgestellte Beispiel von an Grauem Star erkrankten Kindern ist deutlich anders gelagert. Es betrifft die beiden Brüder Ibrahim und Mohammed aus Mora in Nord-Kamerun. Sie leiden genau wie ihre Mutter Haoua Yousuffa an einer Sonderform von Grauem Star, dem sogenannten „Christmas Tree Cataract“. Alle 6 Augen von Mutter und Söhnen sind betroffen, ganz offensichtlich ist diese Erkrankung also genetisch bedingt. Zwei weitere Kinder der Mutter haben die Erkrankung im Übrigen nicht.
Der englische Fachbegriff „Christmas Tree Cataract“ wird im Deutschen oft als Christbaum-Katarakt oder Christbaumschmuck-Katarakt bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine seltene Form der Linsentrübung, die durch bunte, nadel- oder splitterförmige Kristalle in der Linse gekennzeichnet ist, die bei der Spaltlampenuntersuchung wie die Lichter eines Weihnachtsbaums erscheinen.

Im Jahr 2013 operiert Dr. Giles Kagmeni die Mutter und den älteren, zu diesem Zeitpunkt sechsjährigen Sohn Ibrahim an je einem Auge, und zwar mit lokaler Anästhesie, also auch im Fall von Ibrahim ohne Vollnarkose. Denn für Vollnarkose fehlen uns auch heute noch bei unseren OP-Kampagnen sämtliche Voraussetzungen. Wir verfügen bisher weder über einen Narkosearzt noch über die nötige Ausrüstung.
Das eingegangene Risiko wird belohnt. Die OP von Ibrahim – wie auch die seiner Mutter – ist erfolgreich. Zwei sehr unterschiedliche Aspekte sind in diesem Zusammenhang erwähnenswert:
- Beide Augen zeitgleich zu operieren, halten unsere Ärzte in den Jahren 2013 und 2014 noch für zu riskant. Denn ein systematisches Problem könnte zum Verlust beider Augen führen. Mit zunehmender Erfahrung, ohne dass jemals erkennbare Komplikationen auftreten, ändern sie später ihre Einstellung und gehen dazu über, bei einem Operationstermin gleich beide Augen zu operieren – wie im weiter oben schon beschriebenen Fall von Achiyatou.
- Der zweite Aspekt ist das sehr geringe Alter von Mohammed. Mit seinen gerade einmal vier Jahren erscheint er Dr. Raoul Cheuteu und Dr. Giles Kagmeni als zu jung für eine Augenoperation unter lediglich lokaler Betäubung.
Durch die beiden beschriebenen Operationen ergibt sich nun folgende Situation: Die Mutter und Ibrahim können wieder sehen, wenn auch nur auf einem Auge. Mohammed realisiert in der Folgezeit naturgemäß sehr schnell, dass alle um ihn herum in der Familie nun wieder sehen können, nur er nicht, und findet das Ganze sehr ungerecht. Er ist sehr unzufrieden, will wie die anderen auch wieder sehen können und verspricht, bei einer eventuellen Operation ganz still zu halten und alles zu machen, was von ihm verlangt wird.
Ein Jahr später, Anfang des Jahres 2014, sind Dr. Cheuteu und Dr. Kagmeni erneut in Mora. Dort findet zu diesem Zeitpunkt die erste von der neugegründeten Augenhilfe Afrika durchgeführte und finanzierte OP-Kampagne statt, an der auch ich teilnehme und bei der ich Haoua Yousuffa und ihre Söhne kennenlerne.


Unsere beiden Ärzte entscheiden, das Risiko einzugehen und dieses Mal auch den inzwischen fünfjährigen Mohammed an einem seiner beiden erkrankten Augen zu operieren. Wie versprochen ist Mohammed sehr tapfer und verhält sich bei seiner OP ganz ruhig.
Bei seiner Mutter und seinem größeren Bruder Ibrahim operiert Dr. Kagmeni jeweils das zweite Auge. Die OPs verlaufen ohne Komplikationen.






Haoua Yousuffa und ihre Familie wohnen nicht weit entfernt vom Kampagnenort mitten im Zentrum von Mora. Nachdem sie ein paar Stunden unter Beobachtung ausgeharrt haben, können sie zu Fuß nach Hause gehen und in ihrer gewohnten Umgebung die Nacht verbringen. Am darauffolgenden Morgen sind sie dann wieder da, bekommen ihre Verbände abgenommen und freuen sich alle miteinander, dass sie wieder sehen können, die Mutter und Ibrahim mit beiden Augen und Mohammed immerhin wieder mit einem.




Nach Abnahme der Verbände müssen regelmäßig Augentropfen in die operierten Augen geträufelt werden, eine Aufgabe, die zeitweise auch mir zufällt. Zum Abschluss der 2014er Kampagne in Mora ruft Dr. Cheuteu die operierten Patienten dann noch zu einem Gruppenfoto zusammen, das wir später immer wieder gerne für unsere Kommunikation verwenden.




Vor unserer Rückreise besuchen wir noch die Familie von Haoua Yousuffa in ihrem ärmlichen Zuhause. Wir versprechen, im Jahr 2015 zu einer weiteren OP-Kampagne erneut nach Mora zu kommen und bei der Gelegenheit auch Mohammeds zweites Auge zu operieren.

Doch es kommt anders, und wir können unser Versprechen nicht einhalten. Die aus dem benachbarten Nigeria stammende Terrororganisation Boko Haram weitet ihre Aktivitäten massiv auch auf Nord-Kamerun aus, und eine Reise dorthin ist für unser Augenhilfe-Team jahrelang aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Erst im Jahr 2020 können wir mit einer OP-Kampagne nach Mora zurückkehren und Mohammeds zweites Auge erfolgreich operieren. Damit haben wir diese uns alle emotional stark bewegende Geschichte endlich zu einem positiven Abschluss gebracht.


Im Zusammenhang mit der Grundsteinlegung zu unserer neuen Augenklinik in Mora im Jahr 2022 zwei Jahre später habe ich dann erneut Gelegenheit, Haoua Yousuffa gemeinsam mit Dr. Raoul Cheuteu, Mme Aïchatou Salí und meinem Bruder Günter in ihrem Zuhause in Mora zu besuchen. Leider sind die beiden Jungs Ibrahim und Mohammed nicht anwesend. Hintergrund ist die zu dieser Zeit laufende Fußball-Weltmeisterschaft. Und Kamerun hat am gleichen Tag völlig überraschend Serbien ein 3:3 abgetrotzt. Ganz Kamerun feiert das wie einen großen Sieg, und auch die beiden Jungs sind mit ihren Freunden unterwegs.


Speziell der Fall von Ibrahim und Mohammed zeigt deutlich, dass wir durchaus in der Lage sind, auch in Notlagen zu handeln, wenn auch unter Inkaufnahme gewisser Risiken und mit viel Improvisationskunst. In einem nächsten Schritt wollen wir nun das Niveau der Versorgung speziell von Kindern auf eine langfristig nachhaltige und kindgerechte Basis stellen und fangen damit bei der Ausstattung unserer neuen Augenklinik in Mora an.
Der Bau der Klinik in Mora, die Ausstattung mit medizinischem Gerät sowie die Ausbildung des Personals wurde wie auf dieser Website berichtet mit 210 TEUR finanziert durch die Stiftung Lichtblicke in der Welt. Und Mme Aïchatou Salí stellte das Baugrundstück sowie 33 TEUR für die Möblierung zur Verfügung.
Darüber hinaus hat uns die „Stiftung Kinder sollen sehen“ für die kindgerechte Ausstattung des Untersuchungs- und Operationsbereiches in Mora 50.000 EUR zur Verfügung gestellt. Mit diesem Geld haben wir Spezialgeräte, Linsen und sonstige Ausstattungsgegenstände beschafft, die für eine professionelle Kinderaugenheilkunde benötigt werden und dafür ausschlaggebend sind.
Es fängt damit an, helle, freundliche Räume mit Spielsachen und Ablenkung bereitzustellen, um den Kindern die Angst vor der Behandlung zu nehmen. Ein stressfreies Umfeld ist essenziell für die Mitarbeit der Kinder und die Akzeptanz der Behandlung durch die Eltern.
Der Fokus liegt auf dem Kauf von Spezialgeräten, um die Operationen sicherer zu machen und die Früherkennung zu verbessern (Diagnostik). Insgesamt kann man drei Zielbereiche unterscheiden, die jeweils eine kindgerechte Ausstattung erfordern:
A. Operationssicherheit
– Hier ist ein moderner, kindgerechter Operationstisch zu nennen, der gut regulierbar und damit gut an die Anatomie von Kindern anpassbar ist.
B. Diagnose und Früherkennung
– Eine auf einem motorisierten Tisch montierte Spaltlampe, mit der die Untersuchung des Auges leicht an die Anatomie eines Kindes angepasst werden kann
– Ein Hand-Autorefraktometer ist das Kernstück der Kinderdiagnostik. Es misst Brillenwerte aus einem Meter Entfernung in wenigen Sekunden, und zwar ohne Mitarbeit des Kindes.
– Ein Biometer zur Vermessung der anatomischen Strukturen des noch wachsenden Kinderauges, damit z.B. bei Katarakt-OPs eine Linse der richtigen Größe ausgewählt werden kann
– Ein iCare Tonometer als Handgerät ist ein handliches Messgerät, das zur Messung des Augeninnendrucks eingesetzt wird. Es zeichnet sich durch seine schonende und berührungslose Messmethode aus.
– Mobile diagnostische Kits mit kindgerechten Sehtesttafeln, Skiaskop und Testgläsern (Kinder-Messbrille). Das Skiaskop ist das wichtigste Instrument in diesem Kit. Es kann auch eingesetzt werden, wenn das Kind abgelenkt ist oder nicht stillhält.
C. Operationsbesteck und Verbrauchsmaterial
– Mikrochirurgisches Set mit speziellen feinen, kleinen Instrumenten für die pädiatrische Katarakt- und Glaukom-Chirurgie
– Anschaffung eines Lagers an speziellen, teureren intraokularen Linsen (IOLs), die für das noch wachsende Kinderauge notwendig sind



Dank der großzügigen Spende der „Stiftung Kinder sollen sehen“ ist unsere neue Augenklinik in Mora nun bestens für eine nachhaltige und kindgerechte Augenversorgung ausgestattet – eine zentrale Errungenschaft, die wir mit Hilfe unserer Spender gerne ausbauen möchten.
Die Fälle von Achiyatou, Mohammed und Ibrahim zeigen uns, was möglich ist, aber auch, wie vielerorts in Afrika noch elementare Voraussetzungen für die Versorgung von Kindern fehlen. Der Bedarf ist immens!
Lassen Sie uns diese Erfolge wiederholen.
Wir stehen bereits vor unserer nächsten großen Herausforderung: Auch das Krankenhaus in Rundu, Namibia, soll ein Zentrum für kindgerechte Augenmedizin werden. Eine weitere Spende der „Stiftung Kinder sollen sehen“ über 50.000 EUR für die Grundausstattung in Rundu ist uns dafür bereits zugesagt.
Wichtig für das Gesamtverständnis ist noch die Information, dass in Kamerun 41,4% der Bevölkerung maximal 15 Jahre alt ist. In Namibia ist dieser Wert mit 37,0% etwas geringer. Die Bevölkerungen in diesen beiden Ländern sind also sehr jung, was die Berücksichtigung von Kindern bei der Augengesundheit natürlich zusätzlich besonders relevant macht.
Damit das geplante Projekt Rundu Realität werden kann und wir weitere augenmedizinische Verbesserungen auch in anderen Regionen finanzieren können, brauchen wir, liebe Leser, Ihre Unterstützung.
Jede Spende, egal wie hoch, trägt dazu bei, dass ein Kind in Afrika nicht nur die Chance auf Heilung, sondern auf eine selbstbestimmte Zukunft erhält.
Helfen Sie uns, damit Kinder in Afrika die Chance auf Bildung, Teilhabe und ein erfülltes Leben bekommen!