Bekämpfung der Flussblindheit in Kamerun: Fundierte Daten für zielgerichtete Hilfe

In den vergangenen Jahren hat sich die Augenhilfe Afrika bereits mehrfach intensiv mit der Bekämpfung der Onchozerkose – besser bekannt als Flussblindheit – in Kamerun beschäftigt. Diese tückische Infektionskrankheit droht vor allem an schnell fließenden Gewässern, in denen Kriebelmücken brüten. Die weibliche Mücke überträgt Larven, aus denen dann Fadenwürmer entstehen. Wandern diese oder deren Nachkommen ins Auge, kann eine dort entstehende Entzündungsreaktion ohne Behandlung zur Erblindung führen.

Bislang lagen die Schwerpunkte unserer Kampagnen zur Bekämpfung der Flussblindheit auf der direkten Untersuchung von Patientinnen und Patienten sowie der Behandlung Infizierter mit dem Wirkstoff Ivermectin. Bei unserem Projekt im Bezirk Bokito wählten wir nun im Zeitraum vom 20. Juni bis zum 5. Juli 2026 einen völlig anderen grundlegenden Ansatz: Eine umfassende wissenschaftliche Datenerhebung zur Optimierung zukünftiger Hilfsmaßnahmen.

Ausgangslage im Bezirk Bokito

Im Gesundheitsbezirk Bokito, rund 120 Kilometer nördlich der Hauptstadt Yaoundé gelegen, wies die bisherige Gesundheitsdatenbank erhebliche Lücken auf. Die demografischen Daten waren veraltet, der tatsächliche Bedarf an Ivermectin ließ sich schwer quantifizieren und über die Gründe für eine mangelnde Therapietreue in der Bevölkerung war zu wenig bekannt.

Lage von Bokito

Ziel des Projekts war es daher, verlässliche Grundlagen zu schaffen, um die flächendeckende Bekämpfung der Flussblindheit im Distrikt nachhaltig zu verbessern.

An der Spitze der Organisation stand unser bewährter Projektpartner, Augenarzt und Freund Dr. Raoul Cheuteu. Von seiner Fondation Kacheu stellte er die Ärztin Dr. Dorisse Yongue und den Referenten für Monitoring und Evaluierung Gilles Ngassam für die Durchführung vor Ort ab. Die Finanzierung der Erhebung übernahm der deutsche Verein WMF Barmherzigkeit e.V. gemeinsam mit seiner österreichischen Schwesterorganisation Barmherzigkeit International.

Dr. Dorisse Yongue
Referent für Monitoring und Evaluierung Gilles Ngassam
WMF Barmherzigkeit übernimmt die Finanzierung der Datenerhebung.

Ziele der Kampagne

  • Demografische Erfassung: Vollständige Zählung der Haushalte und der Bevölkerung im Zielgebiet
  • Zielgruppenbestimmung: Abschätzung der Anzahl der Personen, die eine Ivermectin-Behandlung benötigen
  • KAP-Analyse: Bewertung des Wissensstandes (Knowledge), der Einstellungen (Attitudes) und der Praktiken (Practices) der Bevölkerung zur Flussblindheit
  • Evaluierung der Behandlungsquote: Überprüfung der tatsächlich erreichten therapeutischen Abdeckung im Rahmen laufender Verteilungen von Ivermectin
  • Gezielte Nachbesserung: Identifikation von Dörfern, die dringend Korrektur- oder Aufholmaßnahmen benötigen
  • Kapazitätenaufbau: Stärkung der lokalen Gesundheitsstrukturen bei der Datenerfassung und                   -verwaltung

Methodik: Das LQAS-Verfahren und die Einbindung der Gemeinschaft

Um mit überschaubarem Zeit- und Kostenaufwand hochpräzise Ergebnisse zu erzielen, kam die LQAS-Methode (Lot Quality Assurance Sampling) zum Einsatz. Bei diesem statistischen Stichprobenverfahren wird ein Zielgebiet in kleinere Einheiten („Lots“) unterteilt. Statt tausende Menschen aufwendig zu befragen, reicht eine sehr kleine, repräsentative Stichprobe pro Lot aus, um verlässlich festzustellen, ob ein Dorf den geforderten Standard erreicht oder nicht.

Eine Schlüsselrolle spielten dabei die Distributeurs Communautaires (gemeindenahe Gesundheitshelfer). Diese von den Dörfern selbst ausgewählten Personen genießen vor Ort großes Vertrauen. Sie wurden vorab gründlich geschult, um die Befragungen durchzuführen, Aufklärungsarbeit zu leisten und quasi „nebenher“ auch direkt Ivermectin an die Haushalte auszugeben.

Die Distributeurs Communautaires …
… werden auf ihre Aufgabe vorbereitet.

Ergebnisse und Erkenntnisse aus den Dörfern

Insgesamt wurden 10 Dörfer mit 3.195 Haushalten und 16.464 Einwohnern in die Erhebung einbezogen. Für die Wissensanalyse (KAP-Studie) wurden 360 Haushalte befragt und für die statistische LQAS-Auswertung jeweils 19 Einzelpersonen pro Dorf ausgewählt – exakt diejenige minimale Stichprobengröße (n=19), die wissenschaftlich erforderlich ist.

Hier finden die Befragungen …
… in den Wohnungen statt.
Und hier …
… im Freien
Verteilung …
… von Ivermectin

Wissen vorhanden, aber auch gefährliche Mythen

Die Ergebnisse zeigen ein zwiespältiges Bild:

  • Hohes Risikobewusstsein: Über 90 % der Befragten stufen die Flussblindheit als schwere Krankheit ein und haben erfahren, dass Ivermectin vor dem Erblinden schützt.
  • Effektive Prävention: 63,2 % halten die regelmäßige Einnahme von Ivermectin für wirksam.
  • Irrtümer bei Schutzmaßnahmen: 18 % glauben fälschlicherweise, dass Moskitonetze vor Flussblindheit schützen. Da Kriebelmücken jedoch im Gegensatz zu Malariamücken tagsüber stechen, bieten Netze hier keinen Schutz. Der wirksame Schutz durch hautbedeckende Kleidung oder Repellents ist der Bevölkerung dagegen kaum bewusst.
Als wirksam wahrgenommene Präventionsmaßnahmen

Dramatische Lücken bei der Behandlungsquote

Die Auswertung der KAP-Studie und der LQAS-Stichproben lieferte ein alarmierendes Signal: Nur 3 der 10 untersuchten Dörfer erreichen den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geforderten Schwellenwert von 80 % Behandlungsabdeckung. Die verbleibenden 7 Dörfer liegen zum Teil deutlich darunter.

Therapeutische Abdeckung nach Dorf, WHO-Schwellenwert bei 80%

Fazit und Ausblick

Das Projekt im Bezirk Bokito war ein voller Erfolg für die künftige Planung. Wir haben nun ein gestochen scharfes Bild davon, wo die Lücken im System liegen.

Für künftige Kampagnen bedeutet das:

  1. Gezielte Nachverteilung: Die 7 unterversorgten Dörfer können nun punktgenau mit Nachverteilungsaktionen angesteuert werden.
  2. Bessere Aufklärung: Informationskampagnen (über Radio, Plakate und Dorfversammlungen) müssen gezielt Falschinformationen bezüglich der Übertragungswege ausräumen.
  3. Stärkung der Logistik: Für Schulungen der Gesundheitshelfer und Einbindung der Dorfvorsteher muss künftig mehr Zeit und Personal eingeplant werden.

Wir danken WMF Barmherzigkeit, Barmherzigkeit International, der Fondation Kacheu und allen lokalen Helferinnen und Helfern herzlich für diesen wichtigen Einsatz!

Das am Projekt beteiligte Team